Das neue Jahr und London mit dem Degen erobern / Fechterin Britta Heidemann über ihr Sportjahr 2011, die Faszination am Fechtsport, ihr neues Buch und nächste Ziele / Rostock-Sport fragte bei Britta nach

Suboptimale Fecht-WM – na und …

Die Fecht-WM 2011 liefen aus deutscher Sicht „suboptimal“, wie ein früherer Bundeskanzler wohl sagen würde. Einmal Silber (durch Säbel-Fechter Nicolas Limbach) und einmal Bronze (durch das Herren-Florett-Team) – das blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Heißt es offiziell.

Doch: Wessen Erwartungen?! Dass auch in anderen Ländern hervorragend gefochten, geschwommen, gelaufen, gerungen, geboxt, geritten, Ball gespielt, Rad gefahren, Gewichte gehoben oder geschossen wird, sollte sich auch bei Sportpolitikern, Sportfunktionären oder Sportjournalisten herumgesprochen haben. Aber die haben ihren Fokus ja stets auf Fußbälle, starke PS oder Profi-Boxhandschuhe gerichtet.

Nun lief es einmal – seit fast 30 Jahren – ziemlich bescheiden schön bei den Fechterinnen und Fechtern und schon wird der Niedergang des deutschen Fecht-Landes beschworen…

Aber keine Angst – wenn die Klingen bei Olympia gekreuzt werden, kann schon wieder alles ganz anders aussehen …

Sportive Frauen voller Power

Es wird ja immer noch – und auch zu Recht (oder mitunter auch nicht) - allerorten von „Power-Frauen“ gesprochen. Vom neuen deutschen Fräulein-Wunder. Von: Mehr Frauen an die Macht!
Tja, als ob das alles so einfach wäre und „Frauen in Führungspositionen“ ein Garantieschein für mehr Aufrichtigkeit, Effizienz und einem besseren Miteinander in Politik, Kultur, Gesellschaft oder im Sport wären.

Ein nicht zu bestreitender Fakt ist allerdings, dass die „Frauen von heute“ den Herren im Hochleistungssport – gerade in Deutschland – zunehmend den Rang ablaufen. Ob Maria Höfl-Riesch, Viktoria Rebensburg, Tatjana Hüfner, Amelie Kober, Andrea Schöpp, Magdalena Neuner, Anja Huber, Natalie Geisenberger, Verena Bentele, Andrea Rothfuss, Evi Sachenbacher und Jenny Wolf im Wintersport oder Lena Schöneborn, Janne Friederike Meyer, Andrea Petkovic, Fatmire Bajramaj, Verena Sailer, Angelina Grün, Angela Maurer, Christine Theiss, Vanessa Low oder – trotz oder gerade wegen Catania - Britta Heidemann in den „sommerlichen Sportarten“ – irgendwie scheint es mit dem deutschen sportiven Fräulein-Wunder zu stimmen.

Britta Heidemann – mehr als nur Fechterin

“Eine Frage der Haltung“ – eine hilfreiche Lektüre auch für Nicht-Fechter. (mit freundlicher Genehmigung der Öffentlichkeitsarbeit Britta Heidemann / von Georg Hartmann)

Britta Heidemann ist dabei eines der sportlichen Aushängeschilder. Britta wurde dabei in jenem Jahr geboren, als Deutschlands Fußball-Herren hinter Italien Vize-Weltmeister wurden, und sie gewann olympisches Gold in dem Jahr, als Deutschlands Fußballer den Vize-Europameister-Titel hinter Spanien holten. Werden also Deutschlands Fußballer Vize gibt es die goldenen Momente für Britta …

Aber ernsthaft: Seit sich die Kölnerin dem Fechtsport endgültig zuwandte, seit Ende 2000, räumte sie in den Folgejahren mit dem Degen alles ab, was es auf der Planche zu gewinnen gab. Zwischen der Vize-Junioren-Weltmeisterschaft und der Vize-Weltmeisterschaft 2010 mit dem Team liegen internationale Medaillen-Gewinne nonstop, darunter Olympia-, WM- und EM-Gold. Catania ist da eher die Ausnahme, die die Erfolgsregel bestätigt.

Aber die anmutige Dame aus der Dom-Stadt hat natürlich auch ungemein viele sportliche Gene. Sie war vor ihrer Fecht-Karriere Leichtathletin, Schwimmerin und Moderne Fünfkämpferin, zu dem sie über den Friesenkampf gekommen sein soll. Vielleicht wurde sie dabei von einem gewissen „Otto“ inspiriert, wer weiß? (Anmerkung am Rande: Der 'Friesenkampf' ist nach Herrn Friesen benannt. Ein Zusammenhang mit Friesland besteht also nicht!)

Humor und Gelassenheit braucht Britta allerdings auch nach einer ziemlich suboptimalen WM in Catania. Die Konkurrenz schlief nicht, ist ebenbürtig oder sogar – zurzeit – stärker.
Man sollte die Kölnerin jedoch nicht nur auf das Fechten reduzieren.

Britta H. hat nicht nur Muskeln und Sportivität zu bieten, auch ihr Intellekt ist Goldmedaillen-verdächtig. Sie ist eine polyglotte Athletin, studierte BWL/Chinesische Regionalwissenschaften, konnte schon berufspraktische Erfahrungen bei Großkonzernen erwerben, ist ständig in China, engagiert sich sozial, schreibt auch Bücher, und, und, und …

„Erfolg ist eine Frage der Haltung“ lautet der Titel ihres Buches …
Wirklich? Oder gibt es da nicht noch ein paar andere Faktoren, die wichtig sind?!

Nachgefragt bei der Fechterin mit der großen Aura

„Fechten ist wie dreidimensionales Schachspielen …“

Frage: Die Fecht-WM 2011 in Catania auf Sizilien mit 937 Fechtern aus 113 Ländern endeten mit einer bescheiden schönen Bilanz für die deutschen Fechterinnen und Fechter. Wie lautet – mit etwas Abstand - Ihr Resümee zu den WM 2011 – nicht nur bezüglich des Degenfechtens und nicht nur aus deutschem Blickwinkel ?

Britta Heidemann – anmutig, erfolgreich und charismatisch. (Foto Manfred Herrig / mit freundlicher Genehmigung der Öffentlichkeitsarbeit Britta Heidemann / von Georg Hartmann)

Britta Heidemann: Catania war insgesamt eine gelungene Fecht-WM. Die Italiener haben nicht nur sportlich sondern auch organisatorisch überzeugt. Für die deutschen Fechter war es in der Summe keine tolle WM, aber mit einigen Lichtblicken. Unser vierter Platz im Team war zumindest ein Erfolg, der uns alle Olympia-Chancen wahrt.

Frage: Bei den Fechtern lief es nicht besonders gut – das gilt auch für andere Sommersportarten/Kernsportarten. Gelingen Erfolge sind sie eher individuell erkämpft, nicht gerade das Resultat eines fundierten Fördersystems. China, Japan, Korea, weitere asiatische Staaten, aber auch Nordamerikaner, die Briten mit Blickrichtung London 2012 zu Hause, Australier sind da schon weiter. Gerade die Sommer-Universiade 2011 wurde zu einem Triumph der asiatischen Sportnationen. Was läuft – aus Ihrer Sicht - falsch in Deutschland?

Dimitri Rout aus Rostock ist einer der ambitioniertesten Rollstuhlfechter hierzulande. Foto Michels
Fechten ist auch Bestandteil des Modernen Fünfkampfes. Foto Michels
Sinn für Tradition … Die Athleten der Schweriner Fechtgesellschaft. Foto Michels

Britta Heidemann: In Deutschland wäre in Bezug auf die Athleten eine umfassendere und professionellere finanzielle Förderung hilfreich, besonders, um auch den Nachwuchs vom Sportler-Dasein überzeugen zu können. Wer die Wahl hat zwischen beruflicher oder sportlicher Karriere, muss sich häufig zwangsläufig für den Beruf entscheiden, weil er sonst nicht vorsorgen kann.

Obwohl die Sportler profimäßig trainieren, wird - außer beim Fußball - Sport in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern nicht als echter Beruf angesehen und auch nicht dementsprechend bezahlt. Der deutsche Sport an sich ist aber vor allem hinsichtlich der Trainingsstätten und Trainingsmöglichkeiten keineswegs schlecht organisiert, immerhin stehen deutsche Athleten häufig oben auf dem Treppchen - und zwar, ohne absoluter Profi zu sein. Trotzdem wünsche ich mir ein verbessertes Fördersystem, das eine duale Karriere unterstützt. Angegangen wird diese Frage zum Glück bereits.

Frage: Auch wenn man ganz cool und sachlich bleibt: Sie sind schon eine umwerfende Frau – voller Power und immer im Vorwärtsgang. Wie schaffen Sie den Alltag – zwischen Degen-Aktivität, gesellschaftlichem Engagement und „häuslichem Dasein“?

Britta Heidemann: Oh, danke. Der Ausgleich und die Balance sind sehr wichtig, auch ein Thema meines Buches. Sie erleben mich halt dann, wenn ich mit Power im Vorwärtsgang bin.

Aber zwischendurch muß auch ich auftanken und tue das auch. Das fällt bei den vielen Aktivitäten und Anfragen nicht immer leicht, aber die Freiräume muß man sich schaffen und hier und da auch einmal Nein sagen können.

Frage: Sie sind ungemein sportlich talentiert. Was war die Initialzündung, dass sie zum Fechten wechselten?! Sie waren davor ja schon woanders (insbesondere im Modernen Fünfkampf) sehr, sehr erfolgreich …

Britta Heidemann: Fechten macht einfach sehr viel Spaß. Von all den Sportarten, die ich betrieben habe, hat es mich am meisten fasziniert, weil man neben Techniktraining und körperlicher Anstrengung auch strategisch und taktisch vorgehen muss und sich viel mit seiner eigenen Psyche beschäftigen muß. Wir sagen gerne, dass Fechten wie dreidimensionales Schachspielen ist. Und es macht mir bis heute Spaß.

Frage: Fechterinnen sind immer sehr emotional. Gerade auch bei der goldenen Generation der 1980er Jahre – Anja Fichtel, Sabine Bau oder Zita Funkenhauser – ging es in den Gefechten „zur Sache“. Wird gerade beim Fechten besonders viel Adrenalin (und damit Gefühle) „produziert“ ?

Britta Heidemann: Fechten ist halt ein Kampfsport. Ohne Adrenalin und Anspannung, ohne Kampfgeist, hat man da keine Chance. Und dann muß man auch mal die Emotionen heraus lassen. Es gilt dabei immer die richtige Mitte zu wahren: Freude und ein kurzes Ärgern über einen Treffer können positiv sein, Aggression oder Patzigkeit bringen einen aber beim Fechten nicht weiter.

Frage: Kommen wir zu Ihrem Buch „Erfolg ist eine Frage der Haltung“, was im Sport im Allgemeinen gültig ist, ist doch im alltäglichen Leben mitunter ziemlich anders verortet. Bleiben wir doch in Deutschland … In vielen Bereichen läuft es doch nicht – in der Politik, in der Gesellschaft, in einigen Wirtschaftsbereichen oder in der Kultur, weil das Leistungs- und Charakter-Prinzip ständig verletzt wird. „Vitamin B“, das Motto „Ich kenne jemanden, wenn Du jemanden für mich kennst!“ oder die Weisheit „Früher waren Beziehungen das halbe Leben. Heute sind sie das ganze Leben.“ sind doch Realität.
Selbst wenn Haltung gezeigt wird, gilt dieses heutzutage doch oftmals als Querulantentum. Gegelte Schönredner sind dagegen „oben auf“.

Glauben Sie daher wirklich, dass Erfolg wirklich – auch jenseits des Sportes – eine Frage der Haltung ist?

Britta Heidemann: Ja sicherlich. Sie interpretieren in Ihrer Frage "Haltung" in eine andere Richtung, als ich es im Buch meine und beschreibe. Es geht dabei vor allem um die Haltung zu sich selbst, zu den eigenen Zielsetzungen und Bemühungen und dem eigenen Weg. Die positive Einstellung, die Portion Lebensoptimismus, das ist etwas, zu dem man sich entscheiden kann. Mit Haltung meine ich in meinem Buch aber auch noch eine andere Bedeutung: die körperliche Haltung und das Auftreten. Wer aufrecht durchs Leben geht und Haltung bewahrt, dem gelingt einiges leichter.

Frage: Genug mit der Nachdenklichkeit, mit dem Negativen … Wie hält sich eine Britta Heidemann mental und körperlich fit? Was brauchen Sie zum Ausgleich?

Britta Heidemann: Einen guten Ausgleich zu Fechtsport finde ich auch durch meine anderen Aktivitäten. Das Studium gehörte dazu, meine Tätigkeit in der Beratung von Unternehmen, meine Vorträg, aber auch meine öffentlichen Auftritte und mein soziales Engagement sorgen auch für einen thematischen Ausgleich. Und zum Auftanken gönne ich mir Ruhephasen, und meine Familie und meine Freunde haben mir immer sehr geholfen.

Frage: Auch M-V hat eine gewisse Fecht-Tradition. Die Rollstuhlfechter, insbesondere aus Rostock, haben national wie international einen sehr guten Klang.

Waren Sie schon im „Fechtland M-V“? Gibt es einmal einen Fecht-Besuch oder eine Lesung von Ihnen zwischen Schwerin via Rostock bis Usedom?

Britta Heidemann: Momentan ist noch keine Lesung in "M-V" geplant, aber das kann sich ja vielleicht noch ändern.

Frage: Nun wartet London 2012 auf Sie. Sie haben doch schon längst alles gewonnen. Geht es nun darum, sich auch in die ewigen Besten-Listen mit goldenen Lettern einzutragen? Viele SportlerInnen meinen ja stets, die Sport-Historie interessiere sie nicht, aber letztendlich wissen diese dann schon erstaunlich gut Bescheid, wie viele Goldmedaillen sie noch erkämpfen müssen, um endgültig „unsterblich“ zu sein …

Britta Heidemann: Einen kleinen Platz in der Sport-Historie habe ich ja sicher schon durch den Olympiasieg oder die drei gleichzeitigen internationalen Titel. Aber mir macht das Fechten auch einfach Spaß und es geht den Sportlern natürlich nicht hauptsächlich um die Geschichtsbücher. Seine Erfolge einordnen zu können, ist da kein Widerspruch. Und alles gewonnen habe ich natürlich noch nicht, Mannschafts-Olympiasieger oder -weltmeister waren wir zum Beispiel noch nicht.

Frage: Und was möchten Sie in Ihrem Leben – mit guter Haltung - unbedingt noch erreichen?

Britta Heidemann: Oh, na das ist ein weites Feld. Ich bin ja noch jung. Beruflich habe ich noch einige Ziele. Und irgendwann werde ich sicher Kinder haben.

Letzte Frage: Das Sportjahr nähert sich unaufhörlich seinem Ende. Was waren für Sie persönlich die Sportlerinnen, Sportler und Teams des Jahres in Deutschland?

Britta Heidemann: Die Frauen-Fußballerinnen! Leider nicht wegen des Ergebnisses bei der WM. Aber dass es Ihnen gelungen ist, Frauen-Fußball eine Zeit lang so in den Blickpunkt zu rücken und die Stadien zu füllen, das fand ich toll.

Beste Wünsche und alles Gute für 2012! Rostock-Sport drückt die Daumen – besonders für London!!!!!

- Bekannte Degen-Fechten aus M-V

Eckhard Mannischeff, Jahrgang 1943, gebürtiger Wismarer, kämpfte 1972 mit dem Degen für die DDR. Der Neustrelitzer Reinhard Münster war ebenfalls 1972 olympischer Fechter der dänischen Mannschaft. Bernd Uhlig, Jahrgang 1942, in Wiek auf Rügen geboren, war 1968 und 1972 auf der olympischen Planche aktiv. Ein Fechter hatte hingegen seine Heimat in der Nähe Schwerins, in Seehof. Franz Rompza, Jahrgang 1934, glänzte 1964 und 1968 bei Olympia im bundesdeutschen Degen-Team, das 1964 Rang sechs und 1968 Rang vier belegte.

Auch ein gebürtiger Tessiner war im olympischen Fechtsport aktiv. So war Horst Melzig, Jahrgang 1940, Mitglied der DDR-Degenfechtmannschaft bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Übrigens: Sein Stadtkollege Peter Döring, im Jahr 1943 in Tessin geboren, war ein erfolgreicher Freistil-Ringer, der 1968 an den Spielen teilnahm und in Mexico-City Platz sechs (Mittelgewicht) belegte.

dmm

- Weitere Infos zu Britta Heidemann unter: www.britta-heidemann.de .

- Übrigens: Die olympischen Entscheidungen im Degen-Fechten der Frauen finden am 30.Juli 2012 (Einzel) und am 4.August 2012 (Team) in London statt.


© Redaktion Rostock-Sport