Kurzbahn-Eisschnellläuferin Aika Klein (ESV Turbine Rostock) blickt auf die Winterspiele 2010 und ihre Karriere zurück
"Denke vor allem an die schönen Momente meiner Karriere ..."

Reporter-Legende Heinz-Florian Oertel über die Winterspiele 2010, sein Olympia-Buch und eigene olympische Erfahrungen / "Die kanadischen Gastgeber lebten den olympischen Traum !"

Im Januar gab es für Rostocks Short Track-Ass Aika Klein (ESV Turbine) Staffel-EM-Gold in Dresden, bei den Winterspielen 2010 war sie nun die einzige Olympionikin aus Mecklenburg-Vorpommern. Über die 1000 Meter erreichte sie im Pacific Coliseum in Vancouver das Viertelfinale.
Die olympischen Short Track-Wettbewerbe wurden dabei auch 2010 von Asiaten und Nordamerikanern beherrscht. Erfolgreichste Short Track-Nation bei den Damen wurde China mit viermal Gold. Wang Meng erkämpfte als erfolgreichste Short Trackerin dreimal Gold.

Bei den Herren dominierte Korea mit zweimal Gold, dreimal Silber sowie zweimal Bronze. Lee Jung-Su schaffte als erfolgreichster Short Tracker dabei zweimal Gold und einmal Silber. Gastgeber Kanada erlief ebenfalls zweimal Gold.

Aika Klein und das Team vor der olympischen Flamme.
Foto: Aika Klein/privat
Seit einem Jahrzehnt top - Aika Klein vom ESV Turbine Rostock.
Fotos: D.Nuelken

Doch wie lautet das Resümee von Aika Klein zu Vancouver 2010 ?!

“Denke vor allem an die schönen Momente meiner Karriere …“

Die 27jährige Aika Klein über die Winterspiele 2010, ihre olympischen Resultate, Versäumnisse in der Förderung des Short Track-Sportes in Deutschland, ihre Karriere und die Winter-Paralympics

Frage: Aika, die XXI.Olympischen Winterspiele sind Geschichte. Wie lautet Ihr persönliches und sportliches Fazit ?

Aika Klein: Insgesamt war ich mit meinen Leistungen in Vancouver schon sehr zufrieden, auch wenn sich das auf den ersten Blick nicht in den Ergebnislisten widerspiegelt. Läuferisch konnte ich mit den Besten schon mithalten, es trennen mich letztendlich keine „Welten“ von den Läuferinnen der dominierenden Länder. Das zeigt auch, dass ich in guter Form war. Leider musste ich eine Disqualifikation hinnehmen, über 1000 Meter geriet ich ins Straucheln. Das ist bei einem Großereignis wie Olympia natürlich doppelt bitter.

Das deutsche Short Track-Team – Tyson Heung belegte ja einen tollen fünften Platz über die 500 Meter – bewies mit den Leistungen von Vancouver, dass es zu den stärksten Ländern in dieser Sportart gehört. Etwas enttäuscht war ich allerdings von der Stimmung in der Halle. Sie war zwar voll besetzt, aber letztendlich wurden doch nur die Läuferinnen und Läufer aus Kanada und den USA frenetisch und einseitig angefeuert. Da hatte ich vorher andere Erwartungen, gelten doch die Kanadierinnen und Kanadier als sehr faires Publikum.

Ich war dann noch bei anderen Wettkämpfen, dort war es ausgewogener. Selbst bei den Short Track-EM in Dresden war es in dieser Hinsicht – offen gesagt – besser.

Einer der schönsten Erfolge von Aika war ihr Staffel-EM-Gold 2010 in Dresden
Foto:Thomas Eisenhuth /photoarena
(mit freundl. Genehmigung).
Aika Klein beim olympischen Wettkampf 2010.
Foto: Aika Klein/privat
Aika in Action.
Foto: DKB
Aika Klein mit der
Eiskunstlauf-Olympiasiegerin
Kim Yu-Na (Korea).
Foto: Aika Klein/privat
Olympia-Maskottchen 2010
Logo Olympia Vancouver 2010

Frage: Die Short Track-Wettbewerbe wurden wie erwartet von den Großen Vier – China, Korea, den USA und Kanada – beherrscht. Lediglich die Italienerin Arianna Fontana konnte als einzige Teilnehmerin aus Europa über 500 Meter mit Bronze eine Medaille erkämpfen. Was zeichnete die Short Trackerinnen und Short Tracker aus Asien und Nordamerika aus ?

Aika Klein: Eine Medaille für das deutsche Team zu erwarten, wäre eigentlich vermessen gewesen. Gerade in Kanada, den USA, China und Korea ist Short Track Volkssport. Dort besitzt man für Short Track ein Fördersystem, was Deutschland insbesondere im Schlittensport aufzuweisen hat. Die personelle Ausstattung an Trainern und Betreuern, die gesamte Logistik ist in Kanada oder in Korea ganz einfach besser.

Deutsche Short Tracke Meisterschaften der Junioren/Juniorinnen 13./14. März
Eishalle Rostock in der Schilling-Allee

Samstag

10.00 Uhr Vorläufe Strecke 1
12.30 Uhr Finale Strecke 1
13.30 Uhr Vorläufe Strecke 2
15.30 Uhr Finale Strecke 2
16.30 Uhr Siegerehrung (Sprint-Meister/innen)

Sonntag

09.00 Uhr Vorläufe Strecke 3
11.00 Uhr Finale Strecke 3
12.00 Uhr Superfinale
13.00 Uhr Siegerehrung

Und man darf nicht vergessen: Diese Länder schöpfen aus einem unglaublichen Reservoir an Talenten. Im kanadischen Montreal gibt es bestimmt doppelt so viele Talente und junge Short Track-Begeisterte wie in ganz Deutschland. Short Track hat in Nordamerika, Korea und China eben einen ganz anderen Stellenwert.

Frage: Die deutschen Short Tracker konnten leider nicht zum Medaillen-Regen für das deutsche Team beitragen. Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit die Kurzbahn-EisschnellläuferInnen „Made in Germany“ in Zukunft eine olympische Medaille gewinnen können ?

Aika Klein: So zufrieden ich über die Ergebnisse des deutschen Teams und mir persönlich bin, um so trauriger stimmt mich die Tatsache, dass unsere Ergebnisse, unsere Leistungen in Vancouver kaum gewürdigt und beachtet wurden. Sicherlich haben die alpinen und nordischen Skisportler oder die Schlittensportler große Erfolge, zahlreiche Medaillen feiern können. Aber diese Erfolge sind auch das Ergebnis einer optimalen Förderung. Das ist bei uns noch lange nicht der Fall.

So wurden wir in Vancouver gerade einmal von einem Trainer, Eric Bedard, betreut. Ich finde es wirklich schade, dass die Relationen nicht gewahrt wurden. So lief im Biathlon bei den Herren nicht alles nach Wunsch, aber dennoch standen deren Wettkämpfe ebenfalls im Fokus. Ich hätte mir schon den einen oder anderen Pressevertreter mehr bei unseren Wettkämpfen gewünscht, der auch die Entwicklung des Short Tracks in Deutschland in den letzten Jahren als auch die schwierigen Bedingungen, unter denen wir unsere Erfolge in den letzten Jahren erkämpfen konnte, in den Kontext der Winterspiele gebracht hätte.

Immerhin gehören die deutschen Athletinnen und Athleten im Short Track – neben Italien – zu den besten in Europa. Zuletzt wurden unter anderem die Staffeln Vize-Europameister bzw. Europameisterinnen. Das EM-Gold in Dresden bedeutet mir dabei sehr viel.
Meines Erachtens wurde seitens der Funktionäre, aber auch der Medien versäumt, den positiven Schub, den der deutsche Short Track-Sport in den letzten Jahren erhielt, nachhaltig wirken zu lassen.

Es gibt hier Versäumnisse in der Nachwuchsgewinnung wie in der Vermarktung. Die Erfolge der letzten acht Jahre wurden verspielt. Es gibt keine nachhaltige Förderung für eine bessere Zukunft des Short Tracks in Deutschland, das muß ich bedauerlicherweise feststellen.

Frage: Bei aller Nachdenklichkeit … Was beeindruckte Sie besonders bei den Winterspielen 2010 ? Wie würden Sie die XXI. Winterspiele charakterisieren ?

Aika Klein: Ich habe da ja gute Vergleichsmöglichkeiten – zu Salt Lake City 2002 oder Turin 2006. Für mich gibt es kein unbedingtes „Besser“ oder „Schlechter“. In Salt Lake City, einer kleineren Stadt, war alles viel zentraler und familiärer. Es waren für mich sehr angenehme Spiele. Aber auch Vancouver waren schöne Spiele – unabhängig von der Enttäuschung über das kanadische Short Track-Publikum.

Wenn man in der Nacht, um 3.00 Uhr, noch durch die Straßen Vancouvers zog, pulsierte dort immer noch das Leben. Die Leute waren unterwegs, machten Musik und freuten sich, dass sie Gastgeber Olympischer Winterspiele sein durften. Man lebte dort einfach den olympischen Traum, die olympischen Ideale. Die Kanadierinnen und Kanadier freuten sich, uns, die Athletinnen und Athleten, begrüßen zu können, in der Stadt zu haben. Man sprach uns an, beglückwünschte uns oder wünschte nur viel Glück. Das olympische Flair in Vancouver stimmte.

Das war in Turin 2006 noch ganz anders. Zwar war die Organisation gut, aber olympische Atmosphäre herrschte dort nicht. Alles war dezentral, es waren die Winterspiele der weiten Wege. Für mich war vielleicht Salt Lake City 2002 noch ein wenig angenehmer, stimmungsvoller als Vancouver. Die XXI.Olympischen Winterspiele waren „alles in allem“ ein großer Gewinn für den olympischen Wintersport

Frage: Konnten Sie auch andere Wettbewerbe live verfolgen ? Welche Leistungen, welche Olympioniken beeindruckten Sie – auch jenseits des Short Tracks ?

Aika Klein: Ja, ich war noch zu vielen anderen Wettkämpfen unterwegs, vorzugsweise in den Eissportarten, denn Whistler, Austragungsort der Entscheidungen im Skisport, war dann doch zu weit weg, und wir hatten ja noch unser Training. So waren wir Short Tracker beim Eisschnelllaufen, beim Eishockey (Deutschland gegen Weißrussland) und beim Eiskunstlaufen. Dort hatten wir Tickets für die Kür der Damen – unvergesslich. Insbesondere die kanadische Eiskunstläuferin Joannie Rochette imponierte mir.

Kurz vor ihren Wettkämpfen starb ja ihre Mutter (Rostock-Sport berichtete), sich dennoch – nach diesem so tragischen und traurigen Ereignis – dem Wettkampf zu stellen und eine Medaille zu gewinnen, ist wirklich bewundernswert. Sie verwirklichte damit ihren Traum und den ihrer Mutter, die ja ebenfalls dem Eiskunstlaufsport sehr nahe stand. Ja, das Schicksal und die Leistung von Joannie berührten mich schon sehr.

Frage: Sie kündigten Ihren Rücktritt an. An den WM in Sofia werden Sie noch teilnehmen. Wie geht es dann für Sie weiter ? Short Track ohne Aika Klein – das ist ja eigentlich ein NO GO …

Aika Klein: Vancouver waren mit Sicherheit meine letzten Olympischen Winterspiele. Den genauen Zeitpunkt des Rücktritts habe ich ja noch offen gelassen. Ich möchte mir alles genau überlegen, nicht, dass ich mir nach drei Monaten eingestehen muß, dass ich noch weiter machen will. Gerade, wenn ich an das Leistungspotential der Staffel denke, kommt schon Wehmut auf.

Aber ich muß auch an das Leben nach dem Sport denken. Letztendlich habe ich in den letzten Jahren viele Opfer auf mich genommen, um erfolgreich im Short Track zu sein. Daher dauerte mein Studium der Wirtschaftswissenschaften schon länger als geplant, auf viele andere Dinge musste ich ebenfalls verzichten. Leider habe ich den Eindruck, dass viele Erfolge nicht die Würdigung und Aufmerksamkeit erhielten, die sie eigentlich verdienten. Die Medaillen bei EM oder im Weltcup, die Olympia-Teilnahmen – alles wurde nur sehr marginal und temporär sehr befristet in das Blickfeld gerückt. Das ist schon enttäuschend.

Sicherlich: Ich habe mich bewusst für eine sportliche Karriere als Short Trackerin entschieden, möchte diese auf keinen Fall missen, aber mehr Aufmerksamkeit für meine Sportart hätte ich mir in Deutschland schon gewünscht.
Aber ich denke nun vor allem an die schönen Momente der Short Track-Laufbahn …
Vielleicht gibt es ja noch finanzielle Möglichkeiten, die eine Fortsetzung der Karriere mit sich bringen ?! Mal schauen.

Letzte Frage: In wenigen Tagen beginnen die Winter-Paralympics. Ein Sportereignis, da Ihr Interesse findet ?

Aika Klein: Also, ich finde es schon bewundernswert, was die Athletinnen und Athleten mit Handicaps leisten. Sie müssen nicht weniger hart trainieren als Sportler ohne Handicaps – ganz im Gegenteil. Leider befürchte ich, dass auch deren Leistungen nicht so im medialen Mittelpunkt stehen. Wir, im Team, hatten uns bereits in Vancouver über die Winter-Paralympics unterhalten.

Unsere Meinung ist, die Winter-Paralympics am besten vor den Olympics stattfinden zu lassen. Nach Olympia ist es doch meistens so, dass die ganz große Spannung, das ganz große Interesse für die Winterspiele schwindet … Ich persönlich werde auf jeden Fall die Wettkämpfe per TV verfolgen.

Dann alles erdenklich Gute für Sie und bleiben Sie dem Short Track möglichst noch eine Weile treu ! Bestmögliche Resultate auch bei den WM ...

Reporter-Legende Heinz-Florian Oertel über die Winterspiele 2010, sein Olympia-Buch und eigene olympische Erfahrungen / "Die kanadischen Gastgeber lebten den olympischen Traum !"

"Vancouver 2010 - Unser Olympiabuch", läßt die Winterspiele 2010 noch einmal lebendig werden.
Verlag Das Neue Berlin

"Schnell - schneller - am schnellsten !" Dieses sportliche Motto gilt für einen Klassiker unter den Olympiabüchern, deren Herausgeber der rasende Sportreportler Heinz-Florian Oertel und die sechsfache Schwimm-Olympiasiegerin sowie ZDF-Moderatorin Kristin Otto sind.
Gerade ist die olympische Flamme in Vancouver erloschen und da sind die Tage von Vancouver und Whistler schon druckfrisch auf Papier im Buchhandel erhältlich.

Noch einmal werden die Erfolge von Ski-Königin Maria Riesch, Biathletin Magdalena Neuner, Bob-Ass Andre Lange, dem Gold-Duo im Skilanglauf Claudia Nystad bzw. Evi Sachenbacher-Stehle & Co. wieder lebendig.
Auch die Wettkämpfe im Short Track um Rostocks Kufenflitzerin Aika Klein werden ebenfalls in den Blickpunkt gerückt.

Das Buch wird nicht nur wie immer von Heinz Florian Oertel und Kristin Otto herausgegeben, die Leitung der Redaktion übernimmt ebenfalls traditionell der erfahrene Sport- und Olympia-Spezialist Volker Kluge, der somit für höchste journalistische Qualität bürgt.

"Die kanadischen Gastgeber lebten den olympischen Traum !"

Nachgefragt bei der deutschen Reporter-Legende Heinz-Florian Oertel

Heinz Florian Oertel über seine Zeit als Sportjournalist, olympische Erfahrungen, bekannte Sportler aus M-V, seine Sympathie für Mecklenburg-Vorpommern und Vancouver 2010

Heinz-Florian Oertel,
die Reporter-Legende.
Fotos: Verlag Das Neue Berlin/Andre Kowalski

Frage: Die XXI.Olympischen Winterspiele in Vancouver und in Whistler sind schon wieder Vergangenheit. Mit der Rostocker Short Trackerin Aika Klein und dem gebürtigen Greifswalder Robin Szolkowy, der im Paarlauf mit Partnerin Aljona Sawtschenko Bronze gewann, waren auch je eine Athletin bzw. ein Athlet aus M-V oder zumindest mit M-V-Wurzeln am Start.
Sie gaben nun wieder ein Buch zu diesem Wintersportereignis heraus, was die Tage von Vancouver und Whistler noch einmal lebendig werden läßt. Wie ist Ihre Meinung zu den Winterspielen 2010 ? Welche Leistungen beeindruckten Sie besonders ? Was macht die Lektüre Ihres Olympiabuches 2010 (erschienen im Verlag Das Neue Berlin) - persönlich betrachtet - empfehlenswert ?

Heinz-Florian Oertel: Die Kanadierinnen und Kanadier haben es geschafft, dass die alte olympische Idee neu entfacht wurde, ja mit neuem Leben erfüllt wurde. Die Gastgeber haben es auf unnachahmliche Weise verstanden, Olympia in ihren Alltag zu integrieren. Zig Tausende Kanadier und deren Gäste füllten die Straßen der Olympiastadt und zelebrierten den olympischen Traum. Olympia lebte zwischen dem 12. und 21.Februar in Vancouver und in Whistler.

Beeindruckt haben mich die Leistungen einer jeden Olympionikin, eines jeden Olympioniken, denn sich bereits für die Olympischen Spiele qualifizieren zu können, ist eine Leistung, vor der man sich nur verneigen kann.

Was das Olympiabuch auszeichnet ?! Es gibt ja mittlerweile nur noch zwei Olympiabücher hierzulande. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die nun die eigene Leistung anpreisen möchten, aber "Unser Olympiabuch - Vancouver 2010" zeichnet sich durch seine fachlich versierten Beiträge, durch die erstklassigen Fotos, die Erinnerungen noch einmal aufleben lassen, und die kompakte, einzigartige Statistik aus. Wer die Tage von Vancouver und Whistler noch einmal Revue passieren lassen möchte, sollte auch zu "Unserem Olympiabuch" greifen.

Frage: Herr Oertel, Sie berichteten seit 1952 von 17 Olympischen Spielen und acht Fußball-WM. Nach 1990 gaben Sie u.a.zusammen mit der früheren Erfolgsschwimmerin und heutigen Sportmoderatorin beim ZDF, Kristin Otto, weitere Olympiabücher heraus. Verfolgen Sie auch heute noch die Entwicklung des Weltsportes intensiv ? Blieben Sie Ihren - als Reporter - bevorzugten Sportarten, Leichtathletik und Eiskunstlauf, dabei treu ?

Heinz Florian Oertel: Für mich gibt es mittlerweile zwei Qualitäten des Sportes - das war nicht immer so, aber mittlerweile muß ich so deutlich unterscheiden - einerseits den "Elitesport" und andererseits den "Volkssport". Gerade der "Elitesport", der Leistungssport, befindet sich in einem lebensgefährlichen Krankheitszustand, der seit den 1970er Jahren begann und zuletzt eine immer negativere Entwicklung nahm. Geld, Kommerz und Eigensucht regieren diesen "Elitesport". Profi-Boxsport ist heutzutage oftmals nur noch "Zirkus und Klamauk". In meinen einstigen Paradesportarten, wie Leichtathletik, Radsport oder nordischer Skisport, wird der Leistungssport durch die Dopingproblematik extrem überschattet. Nur im Eiskunstlaufen scheint die sportliche Welt noch einigermaßen in Ordnung.

Frage: "Liebe junge Väter oder angehende, haben Sie Mut ! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar ! Waldemar ist da !". Mit diesen Sätzen kommentierten Sie den zweiten Marathon-Olympiasieg von Waldemar Cierpinski 1980 und wurden damit "Kult" in Ost und West und gehörten zusammen mit Ihrem westdeutschen Kollegen Harry Valerien zu den Besten Ihrer Zunft in Deutschland. Wie beurteilen Sie heute das Niveau der Sportberichterstattung im deutschen Fernsehen?

Heinz Florian Oertel: Der Sport ist inzwischen ein Spiegelbild der Gesellschaft: Der Hang zu Egoismus, Selbstdarstellung und Oberflächlichkeit nimmt immer weiter zu. Sport ist nunmehr eine Ware, die beliebig ist, die nur dem Vergnügen dient. Zwar stammt der Begriff des "Sportes" ja vom lateinischen "desportare" - sich vergnügen, zerstreuen sowie ablenken - aber hier sind inzwischen natürliche Grenzen überschritten. Ähnliches gilt für die Sportberichterstattung: Es soll eine gute Show abgeliefert werden, auch wenn das notwendige fachliche Hintergrundwissen fehlt. Notwendige Informationen läßt sich der einzelne Sportjournalist über hochbezahlte Zu- und Mitarbeiter zukommen, anstatt sich selbst mit Literatur und Presse sachkundig zu machen. Natürlich gibt es noch die angenehmen Ausnahmen, aber bei der Mehrheit der Sportkollegen gerate ich schon ins Grübeln ...

Frage: Olympia wird immer kommerzieller, bombastischer und "durchgestylter". Ein Rückblick auf olympische Stationen Ihrer langen Karriere: Welche Olympiastadt genossen Sie besonders? Wo war die olympische Atmosphäre besonders angenehm?

Heinz Florian Oertel: Für mich waren meine ersten Olypischen Spiele 1952 der realisierte Traum einer Olympiastadt. Damals war die Welt im "Großen und Ganzen" noch in Ordnung. Die Menschen hatten noch Mut, Zuversicht und Tatkraft. Die Begriffe Frieden, Freundschaft und gegenseitige Begegnung wurden vom Sport nicht nur verbal vertreten, sondern aktiv mit Leben erfüllt. Diese spätere, zunehmende Ost-West-Konfrontationen, wie sie die Politik zuweilen aggressiv vertrat, hat es so im Sport unter den Athleten nie gegeben. Die Olympiaboykotte 1976 durch die afrikanischen Staaten, 1980 durch den Westen und dann 1984 durch den "Ostblock" werden als geistlose "Lächerlichkeiten" in die Annalen eingehen, die nichts bewirkten und die Athletinnen und Athleten, die an der Teilnahme gehindert wurden, um ihre sportlichen Träume brachten. - Helsinki 1952 war sowohl sportlich als auch persönlich für mich olympische Atmosphäre pur.

Frage: Sie waren Augenzeuge zahlreicher Erfolge der deutschen Sportler aus Ost und West. Dazu gehören u.a. die Siege der gebürtigen Wismarer Läuferin Marita Koch, des Schweriner Hochspringers Gerd Wessig oder des Radsportlers Täve Schur. Welche Sportler beeindruckten Sie seit 1952 am meisten?

Rostocks Kufen-Ass Aika Klein ist im Olympiabuch von Heinz-Florian Oertel ebenfalls verewigt
Foto: DKB
Auch die Triumphe einer Maria Riesch werden noch einmal lebendig. Foto: Kraftfood/milka

Heinz Florian Oertel: Für mich - und das mag verblüffen - ist die Feldhandballerin Gisela Weidner, die 1949 das 1:0 und damit den Siegtreffer für ihre Luckenwalder Mannschaft in der damaligen brandenburgischen Landesmeisterschaft gegen Senftenberg warf, meine persönliche Sportheldin. Es war am 19. April 1949 meine erste Sportreportage für den Sender Cottbus der Landesrundfunkanstalt Brandenburg-Potsdam, und ich erinnere mich immmer wieder gern an diesen Augenblick zurück. Ansonsten gibt es so unzählige herausragende Sportlerinnen und Sportler, dass es eigentlich unfair wäre, einige Namen zu nennen und andere Sportgrößen ungenannt zu lassen. Vielleicht nur fünf Beispiele von ganz, ganz vielen: der Langstreckenläufer Emil Zatopek, der berühmte Boxer Cassius Clay (auch Olympiasieger 1960 !), natürlich Täve Schur, Katarina Witt, die gebürtige Wismaranerin und für Rostock startende Marita Koch und den einige Jahre bei Hansa Rostock spielenden Torjäger Achim Streich!

Frage: Die Doping-Diskussion in Deutschland ist mittlerweile eine unendliche Geschichte. Inzwischen steht fest, dass in beiden deutschen Staaten, und nicht nur dort, in erheblichem Maße leistungsfördernde Substanzen verabreicht wurden - aus ideologischen wie ökonomischen Gründen. Wie ist Ihre Meinung zur aktuellen Doping-Diskussion?

Heinz Florian Oertel: Jedes Doping, ob im Sport, im Privaten oder im allgemein beruflichen Bereich, ist eine Katastrophe. Man sollte sein Leben natürlich verbringen - ohne "Zusatzstoffe", die wahrlich nicht zu Glückseligkeit verhelfen. Dazu gehören irgendwelche Pillen ebenso wie Alkohol oder "Koks", usw.. Das Problem im Sport ist: Es wurde schon in der Antike gedopt, in der frühen Neuzeit ebenso und der DDR-Sport lebte 40 Jahre, in denen leider ebenfalls - wie auch in anderen Regionen der Welt - gedopt wurde. Nur, seit 1990 wird "auf Teufel komm` raus" zu den "Hilfsmitteln", die keine sind, gegriffen. Es gibt immmer neue Möglichkeiten, um die Leistung unerlaubt zu verbessern - doch das ist eben nicht nur im Sport so. Gier nach Geld, Gier nach Ruhm und Erfolg - das sind die gegenwärtigen Maxime und Motivationen. Ich werde jedenfalls immer ein Doping-Feind in allen gesellschaftlichen Bereichen bleiben!

Frage: Mecklenburg-Vorpommern - Was verbinden Sie sportlich, kulturell und persönlich mit dieser Region?

Heinz Florian Oertel: Für mich ist Mecklenburg-Vorpommern wirklich ein unglaublich natürliches Landes mit einer herrlichen Ostseeküste und vielen, vielen Seen. Ich bin immer wieder gern hier. Für mich wird M-V auch gerade durch Gerd Wessig besonders gut repräsentiert. Wie der als Außenseiter 1980 in Moskau den Hochsprung-Olympiasieg mit Weltrekord von damals 2,36 Meter holte - das war einfach klasse und schafft in der ruhigen Art wohl nur ein Mecklenburger!

Vielen Dank ! Bleiben Sie bitte weiter am olympischen Mikrofon und an der olympischen "Feder". Alles Gute von Rostock nach Spree-Athen !


Die Fragen stellte: Marko Michels.


© Redaktion Rostock-Sport