Dramatik und Spannung am vorletzten Wettkampftag / Deutsches Gold-Quartett im Eisschnelllaufen / Italiener im Slalom vorn / USA-Vierer-Bob raste allen davon / Kanadische Gastgeber uneinholbar Erste im Medaillenspiegel / Deutschland mit klasse Bilanz auf Platz zwei / Letzte Entscheidungen im 50 Kilometer-Langlauf und im Eishockey

Nur noch wenige Stunden bis zum Abschluss der XXI.Olympischen Winterspiele 2010. Während Athletinnen und Athleten in den letzten 15 Tagen entweder Tränen der Freude oder der Enttäuschung vergossen, glanzvolle Sieger gekürt wurden, große Verlierer jedoch meist Haltung und Würde zeigten, ging es auch am vorletzten Wettkampftag noch einmal spannend und emotionsreich zu.

Dabei konnten deutsche Olympionikinnen und Olympioniken wieder Medaillen feiern, so überraschend Gold im Team-Sprint bei den Eisschnellläuferinnen und Silber im Vierer-Bob.

Insbesondere, was das Quartett Anni Friesinger-Postma, Katrin Mattscherodt, Daniela Anschütz-Thoms oder Stephanie Beckert vollbrachte, war eine atemberaubende Leistung.

Nachdem die Eisschnellläuferinnen, gerade Anni Friesinger-Portma, in den letzten Wochen in der Dauer-Kritik bei Medien und Funktionären standen, schafften sie mit Willensstärke und nie endendem Kampfgeist das, was ihnen kaum noch jemand zugetraut hatte, den Olympiasieg.

Vielleicht war dieser Erfolg sogar der am härtesten erkämpfte Olympiasieg der Winterspiele... Schon der Erfolg gegen die favorisierten Niederländerinnen im Viertelfinale und der damit verbundene Einzug in das Halbfinale war eine enorme Leistung. Das Rennen gegen die USA im Halbfinale bleibt jedoch unvergesslich.

Monique Angermüller gehörte zwar nicht zum Gold-Team-Express um Stephanie Beckert ist aber auch eine Hoffnung für Sotschi
Natalie Geisenberger holte Bronze im Rennrodeln. Ihr großes Ziel ist nun Sotschi 2014.
Foto: Helmut Geisenberger
Aika Klein kam beim Short Track ins Viertelfinale über die
1000 Meter. Foto: DKB

Fast schon abgeschlagen, dann wieder vorne weg lieferten die deutschen Mädel um Anni Friesinger-Postma, Daniela Anschütz-Thoms und Stephanie Beckert eine „Achterbahnfahrt der Gefühle“ im Duell gegen die US-Girls. Dramatik pur spielte sich dann eine Runde vor dem Zieleinlauf ab, als Anni Friesinger-Postma dem Tempo von Daniela und Stephanie nicht folgen konnte, sich wieder herankämpfte, jedoch wenige Meter vor dem Ziel stürzte, und das Rennen in der „Waagerechten“ statt in der „Senkrechten“ beendete. Praktisch mit „Schwimm-Bewegungen“ bis zum Ziel und darüber hinaus „kam“ Anni noch vor der dritten Amerikanerin „an“ – und sicherte so dem deutschen Team hauchdünn den Einzug ins Finale.

Anni Friesinger-Postma, die Stärke und Siegeswillen eindrucksvoll unter Beweis stellte, bereits zuvor nicht verletzungsfrei Olympia bestritt, verzichtete auf ihren Einsatz im Finale zugunsten von Katrin Mattscherodt.

Und auch das Finale bot „Spannung nonstop“. Zunächst führten die Japanerinnen klar und eindeutig, aber die deutschen Damen gaben nicht auf, holten auf und konnten um drei Hundertstel Sekunden die „Töchter Nippons“ noch bezwingen.

Daniela Anschütz-Thoms nach dem einzigartigen Wettkampf: „Was da heute passiert ist, muß man erst einmal aufarbeiten. Drei Hundertstel ist ja fast gar nichts …“ – Fast gar nichts, aber genug, um Olympiasiegerinnen zu werden !

Für Anni Friesinger-Postma bleibt das Rennen im Team-Sprint gegen die USA natürlich auch unvergesslich: „Es war Himmel und Hölle. Ich dachte nach dem Sturz schon, ich hätte das Finale für die anderen versaubeutelt. Aber dann galt für mich nur noch: Rutschen, rutschen, rutschen !“

Faktisch im Skeleton-Stil mit Schwimm-Bewegung sicherte Anni, die Kämpferin, das Gold-Finale.

Sein fünftes Gold verpassten zwar Andre Lange und Kevin Kuske im Vierer-Bob – hier triumphierte nach 62 Jahren wieder ein US-Schlitten (Pilot: Steven Holcomb) - aber um die Winzigkeit einer Hundertstel Sekunde holte das deutsche Bob-Ass zum Abschluß seiner großartigen Karriere noch einmal Silber vor dem Lokalmatadoren Lyndon Rush.

Sein Kommentar nach dem Wettkampf: So habe aus seiner Sicht „Steven verdient gewonnen“. Sein Ziel „sei immer eine Medaille gewesen. Nun sei aber definitiv Schluß, es gebe kein Zurück mehr.“

Zwar eroberte Marit Björgen über die letzte Entscheidung im Damen-Skilanglauf in Whistler auch nicht eine weitere Goldmedaille (Siegerin: Justyna Kowalczyk aus Polen), aber mit 3 x Gold, 1 x Silber und 1 x Bronze ist die Norwegerin die überragende Athletin dieser Winterspiele.

Überragend waren auch die kanadischen Curler, die Norwegen im Herren-Finale bezwangen. Nach dem Silber der „Ahornblätterinnen“ im Frauen-Finale (Siegerinnen: Schweden) ist Kanada die Curler Nation 2010.

Im Eishockey,mit dem Herren-Finale Kanada gegen USA, steht allerdings der Höhepunkt der Winterspiele aus kanadischer Sicht noch bevor. Die kanadischen Damen hatten gegen die amerikanischen Nachbarinnen ja bereits mit 2:0 gewonnen.

Mit einer Enttäuschung aus deutscher Sicht endete der Herren-Slalom. Sehr hoffnungsvoll ging Felix Neureuther in die Entscheidung. Im Januar hatte der Sohn der Ski-Legenden Rosi Mittermaier und Christian Neureuther noch den Weltcup-Wettbewerb in Kitzbühel gewonnen, wie bereits sein Vater 1979. Aber in Whistler schied Felix schon im ersten Lauf aus. Egal. Dann läuft es eben in Sotschi 2014 besser

Die deutschen Skisportler warten nun noch immer auf den ersten Slalom-Olympiasieger. Frank Wörndl hatte 1988 ebenfalls in Kanada, bei den Olympischen Winterspielen in Calgary, Silber hinter Alberto Tomba aus Italien erkämpft - die einzige olympische Slalom-Medaille bei den Herren. Seit 1948 werden olympische Wettbewerbe im Slalom ausgetragen. Dabei war der Schweizer Edy Reinalter der erste Olympiasieger in dieser Disziplin. In Turin im Jahre 2006 hatte noch der Österreicher Benjamin Raich Platz eins belegt, der dieses Mal auf den vierten Rang kam.

Der große Sieger des olympischen Herren-Slaloms 2010 heißt aber Giuliano Razzoli. Er gewann die dritte olympische Gold-Medaille im Herren-Slalom nach Piero Gros 1976 und Alberto Tomba 1988 für Italien. Damals nannten die Kanadier „Tomba, la Bomba“, auch den „Spaghetti-Cowboy“. Mal sehen, was ihnen anno 2010 zu Giuliano einfällt.

Einen unvergleichlichen Endspurt legten die kanadischen Olympionikinnen und Olympioniken hin, die nach 84 von 86 Entscheidungen mit 13 x Gold, 7 x Silber und 5 x Bronze uneinholbar im Medaillenspiegel Erster sind – vor Deutschland mit 10 x Gold, 12 x Silber, 7 x Bronze, den USA mit 9 x Gold, 14 x Silber, 13 x Bronze und Norwegen mit 8 x Gold, 8 x Silber, 6 x Bronze.
Die letzten Entscheidungen – traditionell – sind der 50 Kilometer-Langlauf bei den Herren und das Eishockey-Finale. Dort könnte es eine weitere kanadische Goldmedaille geben.

Ab 2.00 Uhr MEZ gehen die XXI.Olympischen Winterspiele mit der obligatorischen Schlußfeier zu Ende.

Marko Michels

Am 2.März gibt es dann einen großen, ofiziellen Empfang für das glanzvolle deutsche Olympia-Team in München ..

München empfängt Münchner Kindl / Natalie Geisenberger bringt Bronze in ihre Geburtsstadt

Unter den bisher 38 Medaillengewinnern, die sich am kommenden Dienstag ins Goldene Buch der Landeshauptstadt München eintragen, ist auch ein „Münchner Kindl“. Die 22jährige Natalie Geisenberger, die in Vancouver die Bronzemedaille im Rennrodeln gewonnen hat, ist eine gebürtige Münchnerin – bisher die einzige der Medaillengewinner.

Am Dienstag, 2.März, findet am Münchener Marienplatz ein großer Empfang für die deutsche Olympia-Mannschaft statt. Die bayerische Landeshauptstadt will damit die Brücke schlagen von den erfolgreichen Winterspielen in Kanada zur heißen Phase der Bewerbung Münchens für die Winterspiele 2018.

Dabei ist auch die 22jährige Natalie Geisenberger, die ihre bei den Rodelwettkämpfen in Whistler gewonnene Bronzemedaille sozusagen nach Hause bringt.

Geisenberger, die heute in Miesbach wohnt, wurde in München geboren und lebte dort bis zu ihrem sechsten Lebensjahr. Daher ist es für die junge Medaillengewinnerin eine ganz besondere Ehre, sich in das Goldene Buch der Stadt München einzutragen. „Als ich mit zehn Jahren mein erstes Rodelrennen auf der Bahn in Königssee gefahren bin, hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich jetzt in meiner Geburtsstadt vom Rathausbalkon winken darf“, schwärmt die 22jährige.

Natürlich wären für sie die Olympischen Winterspiele 2018 in München der größte Traum ihrer sportlichen Laufbahn. „Dann habe ich noch mehr Erfahrung und kann auf meiner Heimatbahn nach der Goldmedaille greifen“, blickt Geisenberger in die Zukunft. „Olympische Spiele in der Geburtsstadt, das wäre ein Highlight, das nur ganz wenigen Sportlern überhaupt vergönnt ist!“

Zuvor hat die Gegenwart für die bayerische Bronzemedaillen-Gewinnerin noch einige Ehrungen parat.

Nach dem Empfang in München geht es nach Miesbach, wo sie am Donnerstag, 4. März, von der Bürgermeisterin Ingrid Pongratz und dem Landrat Dr.Jakob Kreidl mit einem öffentlichen Empfang inklusive Blasmusik und Festzug geehrt wird. „Da kann ich mich bei den Menschen in und um Miesbach mit der Bronzemedaille für die Unterstützung der vergangenen Jahre bedanken“, freut sich Geisenberger.

Johannes Scherer


© Redaktion Rostock-Sport